Brief in die Stadt.

Dein Buch fällt mir runter, weil ich dein Gesicht vergessen habe. Und doch nicht, ich mache mir selbst etwas vor.
Ich trinke grünen Tee und denke an dich. Ich esse Sushi und denke an dich. Ich habe viel von dir gelernt. Vielleicht denkst du das auch und lächelst deshalb spöttisch im Halblicht auf mich herab, obwohl du viel kleiner bist als ich und auch so vieles nicht verstanden hast. Ich habe die Bücher gelesen, weißt du. Auch deins. Es waren lauter weiße Seiten, aber ich habe dich trotzdem darin erkannt.
Ich mag immer noch Asiatinnen. Mit hochnäsigen Stupsnasen. Du wirst das nicht mögen, genauso, wie du meine Sprache nicht mochtest und die Sehnsüchte, die ich so lange unterdrückt hielt. Ich habe sie freigelassen und jetzt ist plötzlich alles wie eine große Welle, die mich mitreißt. Aber vielleicht kannst du das nicht verstehen. Dass ich mir trotzdem mein Leben von einem Wecker diktieren lasse. Und trotzdem einen Bogen Papier am Ende jedes Monats in Empfang nehme – nun, mit einem Lächeln. Denn weißt du, das was mich treibt, ist verborgen. Und deshalb kann und konnte ich es nicht mit deinen selbst ernannten Künstlerfreunden teilen. Meine Kunst ist so subtil und besteht nur aus geräuschlosen Worten. Ich spreche nicht viel. Und doch rede ich andauernd. Von dir und einem Uns, das es schon längst nicht mehr gab, auch als du noch Einladungen verschickt hast – die ich annahm – und als du die routinierten Worte gesprochen hast, die wie Honig langsam an deinen Lippen entlangliefen und festklebten. Süß waren sie, und ich habe sie geküsst. In stillem, geheimem Verlangen. Obwohl du sie auf die andere gerichtet hattest. Ich habe es verwunden, so wie ich dein Gesicht vergessen habe. Und auch das wirst du nicht verstehen. Und du wirst auch nicht verstehen, dass ich mich sehr mutig gefühlt habe, als ich mich zu lösen versuchte und dir geschrieben habe. Und dir einen Teil unserer gemeinsamen Vergangenheit schickte. Du schicktest mir ein totes Herz, sorgfältig verpackt, als wäre es in seiner Todesstarre noch zerbrechlich.
Ach Mädchen, was nur hast du gesehen. Sicher nicht das leise Leuchten in der Nacht und nicht die wirren Worte, die ich stumm mit den Lippen formte. Und mein Herz schlug so laut für dich, dass ich mein erstes Lied zu seinem Rhythmus über dich schrieb. Ich habe es noch für niemanden gesungen.

Ich habe jetzt einen gemeinsamen Balkon mit ihm. Einen gemeinsamen Rahmen, in dem wir unsere Bilder aufhängen. Zum Teil noch eigene Bilder, zum Teil eine Collage aus gemeinsamen Momenten. Ich fühlte mich sehr mutig, als ich mich zu lösen versuchte und dir geschrieben habe.

Jetzt stehe ich an der großen Kurve einer Straße, die viele andere jahrelang geradeaus gegangen sind. Du nicht, ich weiß, aber ich auch nicht und ich habe dir durchsichtige Blumen von meinen Umwegen mitgebracht und eine Karte von meinem Labyrinth gezeichnet. Doch die Unwetter in meinem Leben haben die Karte aufgeweicht und jetzt scheint das mystische Labyrinth verloren. Ich trauere nicht darum, ich weine nur heimlich, so wie du. Und genau wie du glaube auch ich, die Nacht zu kennen und ihr mutig gegenüber zu treten, wenn ich einen mit Laternen beleuchteten Pfad entlang gehe. Ach Mädchen, ich denke nicht an dich in stillen Stunden, wenn mein Geist wandert. Nicht, wenn ich mit meinen Worten Schwerter schmiede oder Seidentücher webe. Aber manchmal im Schlaf. Oder wenn ich ein Lachen höre, das wie Eisen klingt. Und wenn ich eine Asiatin sehe …

K.