Ich bin umgeben von Ranken.
Sie wachsen, um meine Füße herum schlängeln sie sich. Leise. Langsam. Und bedächtig. Ich
verspüre keine Angst. Und beginne die Rosensträucher zu beschneiden.
Die Ranken heben summend ein Lied an. Sie alle kennen den Text und singen ihn leise zusammen. Ich kenne den Text
nicht.
Ich habe den Rosenstrauch zu stark beschnitten, weil das Lied der Ranken mich abgelenkt hat. Mit gesenktem Kopf
gehe ich zum Gartentor. Die Ranken schlängeln sich geschmeidig um meine Füße und kommen mit.
Zu meinen umrankten Füßen sehe ich eine kleine gelbe Blume, die sich stolz gen Himmel streckt. Ich
pflücke sie. Die Ranken atmen tief ein und wieder aus. Ich stecke mir die Blume in das Knopfloch an meiner
Jacke. (Ich habe kein Knopfloch an meiner Jacke)
Als ich das verschlossene Gartentor erreiche, stelle ich fest, dass ich den Schlüssel dafür im Haus
vergessen habe. Auf dem Weg ins Haus verliere ich die gelbe Blume und eine kleine Kammer in meinem Gehirn
öffnet sich. Ich beschließe, später darauf zurückzukommen. Später.
Die Ranken lächeln und schmeicheln um meine Beine. Ich streife zwei oder drei ab. Sie sterben auf dem
Gartenweg, wo ich sie zurücklasse – doch aus meinen Gedanken kann ich sie nicht verbannen.
Als ich die Haustür erreiche, spüre ich, wie eine tiefe Müdigkeit mich ergreift. Ich gehe in die
Küche und trinke Tee. Die Ranken lächeln und kichern zu meinen Füßen.
Auf dem Weg ins Schlafzimmer verliere ich meinen linken Strumpf, er flieht unter die Kommode und kehrt nie mehr
zurück. Ich sinke betäubt auf mein Bett. Als ich einschlafe, sehe ich eine der Rosen an meinem Fenster
stehen.
Sie weint.