Ans Meer.

Es fällt schwer.
Hier entlang zu gehen, ohne sich nach den Monumenten umzusehen; manche aus ihrer Kindheit, andere aus der Zeit vor den Wäldern und schneebedeckten Gipfeln. Was sie gesehen hat, steht in einem Buch geschrieben, das gerade zum Ozean schwimmt. Sie vergisst Worte nicht, selten Lieder, Bilder nie. Aber all das soll nicht auf dieser Straße liegen und lauern – sie weiß, wie schnell die Zeit vergeht, wie schnell man den Weg aus den Augen verliert. Sie weiß es. Und es fällt schwer. Nicht die kleinen Abzweigungen des Geistes zu gehen, um für wenige Minuten jemand anders zu sein, eine andere Realität und diese Gesichter hier nicht nur Papier, Scherenschnitte, die sich an Bändern bewegen.
Es erscheint ihr vergebene Liebesmüh, sie unterscheidet nicht mehr Wurzeln von Fesseln und Ketten von Ringen. Nichts ist dasselbe und alles ist gleich. Kirchentüren rauschen an ihr vorbei, sie sieht gerade noch den Astronauten, der sich in die Wand gemeißelt hat, dann lächelt sie bereits ins Telefon. Sie möchte mit ihrem Buch schwimmen, auch wenn sie es nicht mehr zu lesen braucht.

(„Da gibt es einen Briten, der leise Bilder malt. Ich spüre seinen Herzschlag, zu schnell und unregelmäßig, zu viel erlebt, zu viel gelebt, versteh mich doch – ich verstehe dich.
Da gibt es einen Isländer, der fließende Texte schreibt. Seine Hand ist schöner als Goyas Maya, seine Stifte sind ruhige Stämme, Wurzeln werden hier zu Daunen, in denen ich sanft ruhe.
Da gibt es ein Mädchen, das lächelnd Seelen fängt. Nur heute steht auf dem Papier, wir singen Lieder, halten uns fest, stumm, glücklich, eins.
Und da gibt es einen Mann. Außen trägt er silberne Kleidung, niemals Gold, kein Schatten, der sich zu seinen Füßen wagt, ein vages Ziehen in den Schranken der Konformität. Es raschelt nicht mehr in den Ecken, die Straßen sind immer Mondlicht, der Garten blüht zu jeder Zeit.“)

Worüber würde sie schreiben, worüber brüten, warum leben. Das Rinnsal des Nachbarjungen, der mit acht verheiratet wurde, stellt die Weichen nicht mehr, doch der Sänger singt noch immer in ihrem Kopf. Was sie ersehnte, war vergeben an Dornröschen. An Dornröschen! Verschlafene Idiotin – was zum Teufel hat der Koch damit zu tun, warum schläft denn ausgerechnet er! Schönheit hält nicht, was sie sät.
Und sie fragt mich, warum ich Frühling mag; die Zeit, in der aufbricht, was geschlafen hat, und die Ängste sich wie Schlangen aus den Rissen in der Mauer winden und nicht einmal Adieu sagen.

Und ihre Hand haltend lächle ich und sehe direkt in ihren Kopf.
„Wenn wir aufhören zu atmen, wenn die Hände die Wand berühren, wenn die Stunden zu Dalí werden ... wenn verschwimmt was ist – erreichen wir das Meer.“