Das letzte Leben.

„Behüte dich gut, sei wachsam“, sagte die Frau, bevor sie mit meinem Ring im Dunkeln verschwand, und die Sterne, glitzernd und strahlend auf ihrem Gewand, wurden geschluckt von der Finsternis, die sich wie ein Mantel um die Ebene legte.
Ich drehte den Kopf Richtung Osten, in der Hoffnung, die Sonne zu sehen, wie sie über dem grünen Tal aufging. Doch ich sah keine Sonne – und das Tal war nicht mehr grün.

„Du bist satt“, hatte die Frau gesagt, mit einer Stimme wie Samt und Kerzenschein.
„Satt vom Leben“, hatte ich ängstlich nachgefragt, doch nicht ängstlich genug und aus einem falschen Grund, den ich in meinem Magen zusammenknüllte.
„Satt vom Sein“, hatte sie geantwortet und ich sammelte Scherben.
Ich fürchtete, nicht zu existieren. Mich beherrschte die Angst, es gäbe keinen Beweis – für mein Sein, für mein Leben auf dieser Erde. Wenn satt sein bedeutete, dass ich verschwand – welche Hoffnung konnte es dann noch geben.
„Keine.“, sagte sie still. „Bedeutungen bergen keine Hoffnung, nur Taten können noch Hoffnung gebären. Ein sattes Sein schwelt taubstumm müde.“
Ihr Blick suchte tief in mir, blickte durch meine Augen, in meine Seele, in ein Innerstes, das mir nicht mehr sicher war. Was sollte aus mir werden, satt und träge auf der Wiese dieser Nacht. Geseufzt hatte die Frau in der Dunkelheit, dass die Sterne auf ihrem Gewand schimmernd auf und ab gesunken waren in der Bewegung ihrer Brust.
„Du fürchtest das Sein und bist doch satt davon wie eine Schlange, die ein ganzes Ei verschluckt hat. Nicht das Nichtexistieren ist deine Gefahr. Du fürchtest das Sein – und keine Worte werden dich heilen, mein Kind.“
Ich verkleinerte mich. Wurde ein Windhauch, der in der Luft ihrer Worte wehte. Über die Ebene erhob sich ein Himmel, schwarz und grausam und so wundervoll wie ein Frühjahrsmorgen. Doch verschlossen war er mir. Ich fühlte mich losgelöst; Körper und Geist waren nicht mehr eins. Sie trennten sich an der Kreuzung des Weges, den ich hier herauf gekommen war. Das, was übrig blieb, stand wie eine Wolke über der Wiese, eine Wolke aus unsichtbarem Gas, die Unheil brachte und trübe wurde, wenn die Sonne auf sie fiel.

„Behüte dich gut, sei wachsam“, sagte die Frau und wandte sich von mir ab. Sie hielt meinen Ring in den Händen und verschwand leise in der Dunkelheit.
Ich blieb zurück – und war doch nicht ich. Was ich gewesen war, hatte sich an der Kreuzung entzweit. Der schmale Beweis meiner Existenz zog sich in den Händen der Frau in die Dunkelheit zurück und versank in einem kühlen Sternenmeer.

Das letzte Leben wandte sich gen Westen und zog stumme Kreise hinter sich her, auch als die Wiese lange nicht mehr war.

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