Schwarzweiß.

Dass es sich wirklich um Kleinigkeiten drehte.
Um Unberührtheit. Die Angst, zu spät zu sein. Um unerklärliche Furcht vor Naivität.

Ich habe mich gefragt, warum die Dinge so waren. Bunt und verzerrt, wenn ich aus meinem Zimmerfenster sah; umwölkter Himmel und auf dem Dach des Nachbarhauses eine Amsel, die ein Guten-Abend-Lied sang, das mein Herz zerriss. Aus Sehnsucht nach ewiger Erinnerung machte ich ein Foto mit meinem Kinderapparat. Was von der Amsel übrig blieb, waren ein schwarzer Fleck – und mein zerrissenes Herz.
Doch das war nicht wesentlich.
Wichtiger waren das Ausland und die schwarze Stelle in deinem Schoß. Tabu wie Graffiti an die Wand geschmiert, ein Künstler hätte es nicht besser gekonnt. Und Bunt drehte sich zu einem Kreisel vor meinen Augen zusammen, der mich warnte, den ich ignorierte, indem ich die Augen schloss.
Als das Ausland näher rückte, spürte ich dein nervöses Rutschen neben mir. ‚Es ist jetzt bald so weit’, hieß das. Oder vielleicht hieß es nur, dass der Sitz unbequem wurde nach vier Stunden Direktflug in den Topf mit weißer Farbe. Die Sonne strahlte dort heller als vor meinem Fenster, ich fürchtete mich vor nichts, außer vor deinem Ehrgeiz und der falschen Abenteuerlust. Ich konnte vom Balkon aus nicht das Meer hören und nicht die Sterne sehen. Die Enttäuschung breitete sich über seine Steinbrüstung und färbte die nahe liegenden Hotelkomplexe rot. Du verteiltest dich und deine abgeschnittenen Hosen über das schon viel zu viel berührte Zimmer und wurdest lauter, damit die Fremde wahrnahm, dass es uns gab.

Für mich war alles furchtbar kompliziert. Der Straßenlärm, die künstlichen Palmen, das monotone Essen, du. Ich dachte zu viel an zu Haus, an zu viel verflossener Geliebter und dunstige Geborgenheit. Auch hier waren die Farben bunt, doch nicht verzerrt. Kläglich versuchten wir, das Schwarz auszumerzen, tranken zu viel, sahen zu viel Nacht, und selbst das Meer war hier nur der Schatten eines menschenfressenden Ungeheuers. In meinen Hosentaschen zerbrach der letzte Rest meiner verlorenen Liebe, während du Sand unter Männerfüßen verteiltest – je mehr bröseliges Du, desto glücklicher dein zerriebenes Gesicht, desto seliger dein unbeseeltes Gefühl. Ich blickte über Wasser, in den dunklen Himmel, in mich hinein. Je näher dein Bikinikörper ihnen glitt, desto weiter fort floss mein Kummer – und Amseln sangen dort nicht. Also schrieb ich.
Jeden Morgen lief Tinte über meine Hand, die ich als Tränen tarnte, manchmal Milch, selten Blut. Ich sang für ihn (doch nur für mich), dichtete den Text zum Lied der Amsel, zitierte vergangene Küsse auf meiner Haut und schmiegte mich an mein bröckelndes Herz, an mein unversehrtes Geschlecht. Deine Worte für mich starben in seiner Hand. Und deine Hand blieb leer, seit sie zu viel Fremde gekostet hatte.

Die Schlinge, die sich um deinen Unterleib zog, wurde durchtrennt – dein Fremder legte sie dir erst um den Hals und dann um den ganzen Körper. Doch geweint hast du nicht. Nicht einmal gelächelt. Du hast nicht behauptet, es wäre weiß, doch schwarz war es endlich nicht mehr. Danach war alles verändert und doch so ernüchternd gleich. Der Schmerz rang der Enttäuschung Blut ab, und du beklagtest nicht einmal die rote Leere, die jede Nähe erdrosselte und sich zwischen alles drängte, das einen eigenen Atem wagte. Dein Gesicht war nur mehr ein Haken auf einer To-do-Liste. Ich erstarrte beim Frühstück, ich erfror am Strand, ich klammerte mich an die brennende Brüstung des Balkons und sog den Geruch verbrannter Hände ein. Plötzliche Angst schlich wie eine Schnecke, die ihr Haus verloren hatte, über uns, unsere Stimmen, unsere Selbstverständlichkeit. Doch du verbargst sie geschickt unter frisch gewaschenen Haaren und braungebrannter, eingecremter Haut.

Während du an der Straße standst, wartend, stand ich erwartungsvoll auf dem roten Balkon und lächelte seit langer Zeit einmal in der stillen Vorfreude auf ein leeres Appartement für einen Abend, vielleicht für eine Nacht und einen stillen Morgen im Süden.
Du bliebst starr, Blicke sendend, Schritte wagend, allein. Dein Stolz wurde verweht, von Unschuld berührt, wie du dort standest, verlassen und beinah keusch.
Ich blickte auf dich herunter und sah an deiner Hand die stumme Furcht vor deinem Maler. Er tauchte nie wieder auf.

Wieder zu Haus.
Wir haben die Schatten kommen sehen, ich habe dir etwas notiert, eine Schatzkarte dazugelegt – ich hatte kein Glück. Vielleicht habe ich bis jetzt zu selten aufgemalt, wo mein Herz liegt, oder ich habe mein Herz zu leicht vergeben.
Jetzt ist es schon lange vorbei …

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