Weiß.

Weiß.
Grenzenlose Zuneigung ist manchmal nicht genug. E. steht am Tor. E., weil sie ihren Namen vergessen hat, oder nein: sie hat ihm ihren Namen gegeben. Er ist damit fortgelaufen und hat sie namenlos zurückgelassen. Und herzlos. Das auch.

Am ersten Abend war alles Sonnenschein gewesen. Die Musik hatte gespielt und ihre weichen Knie zum Tanzen gestärkt. Er hatte am Rand gestanden, sie angesehen, seine Blicke wie Feuer. Und die Nacht so warm, E. konnte sich erinnern, dass sie ihren Schal abwarf und sich frei fühlte, losgelöst. Er hatte ihre Hand genommen. Und mit ihr getanzt. Eine Weile, bevor sie hinausgegangen waren. Dorthin, wo der Mond hinter den Trauerweiden aufgeht und alles in sein weiches, schummriges Licht taucht.
„Franko.“ – das war der Code gewesen. Franko und E., heute und hier, Jetzt.
Mondscheinnacht so warm wie Federbetten. E. lief ihm hinterher, weil er den See so gut kannte und sie – ein Neuling auf allen Gebieten – an seiner Seite.
„Du kennst doch sicher viele Frauen!“
„Ja, ein paar sind es wohl.“
„Und – kennst du sie gut?“
Schweigen. Und schemenhaftes Lächeln im monderhellten Blätterwald.
Der See zu ihren Füßen war eine weiche Fläche. Wie selbstverständlich schlüpfte Franko aus seinen Kleidern und tauchte in ihn, als wären sie eins. E. fürchtete sich davor, sich auszuziehen. Verletzlichkeit haftete ihr an und hüllte ihren Körper nicht genug ein, als dass die Kleider überflüssig gewesen wären. Aber Franko – der See zerbrach vor ihm und schloss sich hinter ihm um ihn, dass E. schwindelig wurde.
„Warum kommst du nicht auch?“
„Mir ist zu kalt“ und viel zu unberührt.
Die Nacht hätte nicht enden dürfen, sie hätte sich ausbreiten und alles schlucken müssen, die Welt, das Leben, alles.
Als E. am nächsten Morgen aufgewacht war, lag ein dunstiger Schleier über der Stadt und ihre Hände waren kalt, als hätten sie die ganze Nacht im See gelegen. Aber Franko wollte sie wiedersehen. Das war genug.

Der zweite Tag trug Sommerkleider. Franko war auf seinem Roller vorgefahren und hatte italienischer Film gespielt, von dem E. nichts verstand. Er verstand es, sie auf dem Sitz hinter sich zu halten und ein Gefühl in ihrem Bauch zu erzeugen, das eine Karussellfahrt zu Staub zerfallen ließ. Franko und E. reisten auf den silbernen Straßen der Sonne entgegen. Im Wald legten die Blätter sich tröstend auf ihre Lider und seine Hand glitt ein erstes Mal an ihr herab. E. ließ sich fallen, er legte sich neben sie. War das verschmelzen? Oder nur verweilen, näher kommen auf dem endlosen Weg ... hatte E. verstanden, was Franko zu erzählen hatte? War sie die Aufmerksamkeit, die seine Worte brauchten? Ihr Blick blieb stumm an ihm hängen, sandte ein Lächeln, Annähern, ein Ja. Franko hätte nur die Hand auszustrecken brauchen – sie ergriff alles in ihr und malte sie nach.
„Wollen wir bleiben?“, fragte er in ihrem Ohr. Sie konnte nur nicken und fühlen. Er schien zu verstehen – E. malte sich aus, wie er ihre Gefühle in sich verbarg, während die Unberührtheit von ihr glitt wie ihr Kleid.
„Wenn du es willst – du brauchst es nur zu sagen!“, sagte er ohne zu fragen.
„Willst du mich jetzt küssen?“
Lächeln. Und warme Lippen in ihrem Gesicht.
„Atem“, murmelte er, war alles, was sie verstand, in einem losgelösten Moment. „Geschmack.“
Die Süße aus seinem Mund, ein Taumel und das Karussell – sie beugte sich in den angrenzenden Strauch und hoffte, dass es seine Hände waren, die ihre Haare hielten.
„Ist ja schon gut.“, sagte er und ihre Gefühle wichen aus ihm mit einem ächzenden Geräusch. Doch sie entschied sich, es nicht zu bemerken.

Der dritte Tag hatte Raureif übergezogen – doch nur E. hatte ihn sehen können. Franko stand ein wenig abseits vor ihrem Fenster und sah in ihr Gesicht. Sie hatte die Haare seit gestern zweimal gewaschen und in ihren Augen glänzte etwas, das ihn an der Tür klingeln ließ. Seine Füße hatten den Weg zu ihr gemacht, und furchtsam fragte sie nicht, warum. In seinem Gesicht sah sie den Wald vom Tage zuvor, die Sträucher und ihre schweißfeuchten Haare. Doch er war zurück. Hier, leise lächelnd, mit denselben Händen, dem gleichen Atem, dem ähnlichen Gesicht. Franko. Hätte sie sagen wollen oder gesagt – es verschwamm in der Stille des einsamen Hauses.
„Vergeben. Wegen gestern. Du brauchst keine Angst zu haben.“
„Ich habe keine ...“, was auch immer. Lückentexte sind keine Lügen. „Ich kenne kaum welche ...“, so wie du viele.
„Das ist gut. Weil Angst doch nur bewegungslos macht. Und einsam ...“, beim dichter Heranrücken, „... macht sie auch.“
E. verschwamm in seinen Lippen und den warmen, hohlen Händen auf ihrer Bluse, unter ihrer Bluse und überall. Wen er kannte … Was er sagte … Ihre Gefühle und seine Gefühle … Was waren seine Gefühle … Hatte er … Da war ein Schmerz und eine leere Kammer in ihrem Kopf. Als ihre Haare sich um ihre Stirn legten, schloss sie die Augen und vergaß für einen Augenblick. Das Sonnenlicht spielte auf ihren Lidern. Der Staub tanzte einen Reigen vor ihrem befleckten Bett. Franko lag schwer auf ihrer Seele und ihrer berührten Haut.
Sein Kuss lag noch auf ihren Lippen als sie lauwarmes Wasser über ihre Arme rinnen ließ und ihr zweigeteiltes Gesicht im Spiegel betrachtete, das auf der einen Seite lächelte und in der anderen die Spuren von Tränen trug.

Der vierte Tag hatte sich ein dunkelgraues Gewand angezogen. Ihr Aberglaube ließ schwarz nicht zu, obwohl es diesmal sogar die anderen sahen. Franko stand nicht vor ihrem Fenster, es spielten keine italienischen Filme mehr. In ihrem Anorak suchte sie die Straßen nach Spuren ab und fand nur einen kühlen Belag, der auf ihre Seele abfärbte. Der Tanzpavillon. Der See. Der Wald. Der Raum, den sie verlassen hatte. Zurück auf der Straße.
Sein Schemen lehnte am Eingang des Buchladens und legte eine seiner hohlen Hände auf einen mit blondem Flaum überzogenen Unterarm. Sein Lächeln flog in ein rot werdendes Gesicht.
Kalt wehte der nieselregenbeschwerte Wind in ihr glühendes Gesicht, vermischte Flüssigkeiten, als wäre es ein Gefallen. Lieferte ihr ein Alibi für das Zittern, das sie gepackt hatte.

E. steht am Tor. Er hat ihren Namen mitgenommen, ihren Kern und ein Versprechen, dass sie jemandem vor langer Zeit gegeben hat. Und ihr Herz. Ja. Das auch.

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